Beyond Gender

Wie bereits auf diesem Blog gesagt starte ich heute mit dem ersten Artikel aus der Beyond Serie. Diese Serie ist gedacht für allgemeine Theorien über das Mensch-sein im Kollektiv und als kritische Aufarbeitung von Vorannahmen die in unseren Kulturen vorherrschen. Die wir aber dekonstruiert vor uns liegen haben müssen, um die einfacheren Themen des Blogs in die richtige Perspektive zu packen. Deswegen möchte ich die Beyond Serie starten und gebe euch hier den ersten Artikel :

Beyond Gender

“Die Alterität ist eine grundlegende Kategorie des menschlichen Denkens” (De Beauvoir, [1949] 2009: 13). 

Eines Abends stand ich auf einer Party und musste dringend für kleine Königstiger. Ich machte mich auf den Weg zu den Toilletten. Doch ehe ich mich versah war eine lange Schlange vor der Toillette an deren Tür symbolisch ein Mann zu sehen war.3913345 In einem sogenannten “Männermagazin” laß ich einst einen Witz, den ich sogleich machte, dass dies hier doch keine Frauentoillette sei. Nach einigem gemeinsamen Lachen dachte ich selbst nochmal darüber nach und fand mich selber blöd. Aber ich bemerkte, dass die zweite Toillette kaum benutzt wurde, doch ich zögerte hinein zu gehen. Aber Warum? Ich zögerte, weil die gesellschaftlichen Konventionen es so wollen, weil keine Frau mich als Mann (plural mit primär maskulinen Zügen) in ihren heiligen 4 Wänden haben möchte und weil ich nicht von anderen Männern aus diesem Badezimmer gesehen werden will.

Einer der großen Themenkomplexe die ich auf diesem Blog veröffentlichen möchte ist das Thema von Gender und Sex . Für all diejenigen die mit diesen beiden ähnlichen und doch sehr verschiedenen Konzepten noch nichts zu tun hatten oder ihr Basiswissen auffrischen möchten schreibe ich diesen Artikel. Michel Foucault bemerkte in einem seiner letzten Bücher “Sexualität und Wahrheit”, dass der Diskurs um Sex (Foucault meint hier die Sexualität) ein stark unkämpfter ist. Nicht jeder Mensch darf in jeder Situation über Sex sprechen.

Simone de Beauvoir

Simone de Beauvoir (1908-1986)

Doch schon 1949 schrieb Simone de Beauvoir ihr durchschlagendes Buch “Das zweite Geschlecht”, was ich nur jedem Menschen empfehlen kann gelesen zu haben. De Beauvoir, sollte sie euch nicht bekannt sein, war die Frau des französischen Existenzphilosophen Jean Paul Satre. Ihre kritische Reflexion zur strukturellen Unterdrückung der Frau in von Männer dominierten Gesellschaften zielten auf ein neues Bewusstsein und reflexives Denken über Gender, Beziehungen, Sexualität und Sex. In Anlehnung an icardiohre brilliante Arbeit lässt sich bei der Entwicklung einer geschlechtsspezifischen Identität zwei verschiedene Arten feststellen: Gender und Sex.
Sex ist hierbei nicht als Sexualität zu betrachten sondern als das biologisch determinierte Geschlecht auf Grundlage von XX und XY Chromosomen auf unserer Erbanlage. Gender hingegen wird definiert als das sozial konstruierte Geschlecht. Heißt, die Vorstellung die eine Gesellschaft hat über Männer und Frauen.

Judith Butler wird später in “Trouble Gender” zeigen, dass nicht der biologische Sex unser Verhalten determiniert, sondern das es der Gender ist, den Menschen nutzen um aus sich selbst soziale Subjekte zu machen. Dieses Verhalten ist dann nicht mehr einfach leer im Raum sondern wird performativ, also aktiv tuend, umgesetzt. In einfacheren Worten heißt das: jedesmal wenn ich auf die Toillette gehe und mich nach einem der beiden Bilder richte, unterwerfe ich mich den sozialen Gegebenheiten. Wenn ich in den Raum gehe, der durch das entsprechende Symbol dargestellt wird, wiederhole ich selber die Performanz des Geschlechts und naturalisiere meinen Gender noch weiter.

Butler und viele weitere zeigen aber weiter, dass auch der Sex, also das scheinbar determinierte biologische Geschlecht, nicht als vordiskursiv behandelt werden kann. 55_meme_strombergDie Einteilung als biologische Konstante, aber auch die Biologie selbst sind kulturelle, besser diskursive Vorannahmen. Innerhalb der Kultur beherrscht dieser “biologische” Körper sich selbst und bedingt dadurch ein Kontrollsystem von Aussagen und Handlungen, die getroffen werden können, oder Aussagen und Handlungen die zensiert werden. So kann ich mich als männlich angesehener Akteur der Kultur unterwerfen und auf die Männertoillette gehen oder ich gehe auf die Frauentoillette, aber bekomme dafür dann den Ärger. Zwar beruhen die biologischen Aussagen auf Fakten, doch sind diese, wie bereits erwähnt, ebenfalls selbst kulturell produziert und werden innerhalb eines Wissenschaftsdiskurses selektiv verwendet und hergestellt.

“Keineswegs jedoch auf Grund eines Naturvermögens, das dem Sex innewohnt, sondern als Funktion von Machttaktiken, die diesem Diskurs immanent sind” (Foucault, 1983: 90). 

Gender ist, wie gesagt, keine “natürliche” Kategorie im analytischen und theoretischen Sinne, sondern entlehnt sich aus der Sprachwissenschaft, aus der Linguistik. Sozialwissenschaftler haben zu erst begonnen die Unterscheidung von männlichem und weiblichem Gender in ihre Untersuchungen aufzunehmen um einen Blick auf die Konstruktion von gesellschaftlichen Rollen zu geben. Gender bezeichnet also das kulturelle Geschlecht oder besser die kulturell vorgeprägten Geschlechterrollen, die sich durch Kleidung, Verhalten, Habitus, Mimik und Gestik materialisieren. Geschlecht wird unter dieser Perspektive als sozialer Prozess verstanden, innerhalb dessen sich Männlich- und Weiblichkeit immer wieder neu reproduzieren und wird dadurch kulturell vermittelt und erlernt. Gender bezieht sich also nicht alleine auf Frauenforschung oder Feminismus, sondern auf die soziale Konstruktion von Männern, Frauen und diversen anderen Geschlechtsidentitäten.

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Dabei wird der der männlichen Geschlechtskonstruktion bislang noch weniger Augenmerk geschenkt, da der weiblichen Rollenforschung ideengeschichtlich noch nicht der nötige Raum zugesprochen wurde (Ich werde versuchen auf diesem Blog eine gute Mischung von beiden zu geben). Die kulturelle Trennung von Geschlechterrollen ist historischen und sozio-kulturellen Veränderungen unterworfen und wird in folge dessen sozial konstruiert und dient dabei auch als Mittel der Priviligierung oder der Unterdrückung. Dabei hat jeder Mensch einen gender, der ihm oder ihr vorgibt sich in spezifischen Kontexten auf bestimmte Art und Weise wie sich innerhalb der Geschlechterrolle präsentiert, emotional gefühlt, gehandelt, gedacht, gesprochen und unsere Körper gefühlt werden sollen.

Dennoch ist Gender bzw. Geschlecht kein universelles “Sein” sondern wird als Handlung nach De Beauvoir oder als Performanz nach Butler verstanden.

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Ursula Andres in James Bond “Dr. No”

Männlichkeit und Weiblichkeit werden werden durch andauernde diskursive Praxis konstruiert, wobei es durch Wiederholung und Neuarrangements kultureller Praktiken erhalten bzw. neu bestimmt werden kann. Wir als Subjekte versuchen uns selbst als Identität zu etablieren, dass tun wir dadurch, dass wir uns von einer zweiten Identität “unterscheiden”. Mann und Frau sind also keine festen Identitäten, sondern präsentieren sich als kulturelle Aushandlungsprozesse. Auf dieser sozialen Arena kann jeder einzelne von uns um Geschlechterrollen kämpfen, neue Alternativen anbieten und sich von altlasten trennen.

 

So weit gesagt, komme ich hier in unserer ersten gender Diskussion zu einem Ende, in den nächsten Wochen wird auf dieser Seite mehr und mehr zu diesem und anderen Themen hochgeladen werden, eines der ersten Themen, die auch die Genderkonstruktion mit einbezieht wird um James Bond gehen, weswegen auch die Bilder in diesem Artikel mitunter auf die Franchise sich bezieht. Bis dahin eine schöne Woche.

Stay tuned

Microhead

 

Für weitere Information klicke hier, hier oder auf diesen link

 

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6 comments

  1. Folgende Bücher sollte man gelesen haben, bevor man über “gender” urteilt:
    Baron-Cohen, Simon (2003): The Essential Difference.
    Hacking, Ian (1999): The Social Construction of What?
    Pinker, Steven (2002): The Blank Slate.

    Wer danach immer noch glaubt, dass Geschlechtervorurteile rein sozial konstruiert sind, der lese bitte
    Gigerenzer, Gerd (2007): Gut Feelings.
    Lautenbacher, Stefan et al. (2007): Gehirn und Geschlecht.
    Pinker, Steven (1997): How the Mind Works.
    sowie eine beliebige Einführung in die Evolutionsbiologie und -theorie, wie etwa Schurz, Gerhard (2011): Evolution

    in Natur und Kultur.

    Für Anhänger der “Gender-Linguistik” empfiehlt sich zudem die Lektüre von
    Deutscher, Guy (2010): Through the Language Glass.
    Pinker, Steven (2008): The Stuff of Thought.

    Ganz allgemein sollte man sich außerdem mit Wissenschaftstheorie und der fragwürdigen Methodologie der

    Postmodernisten auseiandersetzen, z.B. in
    Schurz, Gerhard (2014): Einführung in die Wissenschaftstheorie, darin insbes. S. 56.
    Sokal, Alan/Bricmont, Jean (1998): Fashionable Nonsense.
    Sokal, Alan (2008): Beyond the Hoax.
    Wehler, Hans Ulrich (1998): Die Herausforderung der Kulturgeschichte.

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    1. Hi Kartoffelschorsch, danke für deinen Kommentar und freut mich dass dir mein Beitrag gefällt. Wow, du hast eine riesige Bücherliste angefertigt um ein großes und bestimmt umfangreiches Archiv zu präsentieren. Dessen Aneignung dauert bestimmt 3-4 Jahre, die ich leider nicht habe, da ich in eine etwas andere Richtung lese.
      Ganz kurz möchte ich einschieben, dass ich weniger urteile, ich beobachte und bemerke mehr. Meine Artikel wollen nicht urteilen, sondern Gedanken kreieren und in Ruhe gedeihen lassen. Das wollte ich nur kurz in die richtige Perspektive bringen. Danke.
      Bevor ich weiter mit deinem Kommentar fortfahre möchte ich nur kurz anmerken, dass allein der Name “Deutscher Guy” also “deutscher Typ” super lustig ist und die Kombination an sich sehr cool ist. Damit gesagt möchte ich deinem Kommentar näher herankommen. Denn früher hab ich auch gerne mit Namen, Jahreszahlen und Buchtiteln um mich geschmissen. Was den Vorteil hat seine eigenen Argumente für sich selbst schlüssig darzustellen den Nachteil aber hat, dass nur einzelne Menschen, die die entsprechenden Bücher gelesen haben, entziffern können was genau du ausdrücken möchtest Was mir als erstes auffällt dass in deinem Archiv keine Frau spricht. Es erinnert mich an Freuds Untersuchungen der sogenannten hysterischen Frau inmitten einer männlichen Professorenmeute. Dazu habe ich drei Fragen. Gibt es in der SEX Forschung keine Frauen? Hat sich in den 10 Jahren nach Erscheinen daran was geändert? Und weiter frage ich mich woher dein Interesse zu dem Thema GENDER gewachsen ist. Du kannst gerne später einen Kommentar hinterlassen.
      Ich denke mann und frau haben natürlich genetische und phänotypische Unterschiede, aber der Umgang mit diesen Unterschieden sind sozialer Konvention unterworfen. Mein Artikel hätte mehr auch den körperlichen Aspekt mit einbeziehen können, aber er geht ja vor allem um die soziale Konstruktion, wobei sich beide klar miteinander verbinden und viele Identitäten sich damit bilden lassen. Und die Einteilung in Kategorien des guten und schlechten ist der Fokuspunkt den ich hier ansprechen möchte. Ja, soweit erstmal als erstes Statement
      Comment below. Stay Tuned.
      Microhead

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