All you need is Love – Valentines Throwback

Vor zwei Tagen, am 14. Februar, war Valentinstag. Ein Tag der der Liebe gewidmet ist. Was mich unweigerlich auf die Frage bringt, was Liebe eigentlich bedeuten soll. Der Duden spuckt dabei folgende Definitionen aus:

  1. Liebe ist ein starkes Gefühl des Hingezogenseins und ein Zuneigung gegenüber einem anderen Menschen
  2. Ein auf starker körperlicher, geistiger und seelischer Anziehung beruhender Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsche des Zusammenseins
  3. sexueller Kontakt, Verkehr
  4. gefühlsbetonte Beziehung zu einer Sache
  5. Gefälligkeit und freundschaftlicher Dienst

 

Liebe ist also ganz schön weit läufig und umfasst also eine emotionale und soziale Bindung mit Menschen, Sachen und Tieren. Das ist ja schon eine ganze Menge und wenn ich mich mit einfachen Definitionen zufrieden geben würde, dann wären wir jetzt schon am Ende des Posts. Aber mitnichten. Heute möchte ich nachzeichnen, wie diese Bedeutungskonstruktion zu stande gekommen ist. Denn die diskursive Bedeutungskonstruktion von Liebe als “gern mögen”, über das sexuelle Liebe machen bis hin zum Beziehungsideal ist eng verbunden mit der Religionsgeschichte des Begriffs.

Denn wie ein Kulturraum “wahre Liebe” und den Status der Liebenden in einer Liebesbeziehung definiert unterscheidet sich bisweilen sehr stark in Raum und Zeit. Liebe kann blind machen oder sehend, es kann eine passive Hingabe oder eine aktive Entscheidung sein sich zu verlieben. Diese Zuschreibungen an die Kategorie Liebe sind eng verbunden mit religiösen Vorstellungen von Heil und Erlösung, Gehorsam und Freiheit, Unter- und Gleichordnung, Erkenntnis und Glauben geprägt und vermischt sich mit verschiedenen Beziehungsmodellen von Gott/Mensch und Mensch/Mensch.

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Büste Platons von

Diskursmächtig ist immer noch die Deutung des Gottes Eros in Platons Ideenlehre. Hier wird éros – die im Mensch wirkende körperliche und geistige Zeugungskraft – von philia – der familiären Liebe oder idealisierter Männerfreundschaft – und agápe – der religiös motivierten Liebe – abgegrenzt. Die höchste Form des éros ist dabei die seelische Schau der absoluten Ideen, “diese philosophisch-religiöse Steigerung von Körperlichkeit und Sinnlichkeit in ‘höchste Erkenntnis’ sieht in Sexualität dieselbe Kraft wirken wie in der philosophischen ‘Erkenntnisleidenschaft”. Kurz gesagt, nach Platon lässt sich im sexuellen Akt die Welt erkennen, wie sie “wirklich” ist.

Das Christentum, das sich selbst als die “Liebesreligion” sieht, übernimmt die Idee der spiritualisierten Liebe und grenzt den triebhaften, erotischen Aspekt aus. Indem die ágape als asexuelle Gottes-, Selbst- und Nächstenliebe  und als Gebot der Feindesliebe ins Zentrum tritt (Mt 22,39 nach Lev 19,18). Als wichtigste der theologischen Tugenden “Glaube, Liebe, Hoffnung” (1 Kor 13) wird sie zentrales Element des Heilsgeschehens und der gnadenhaften Erlösung der mit der sexuellen Erbsünde belasteten Menschheit.

Im 11. Jahrhundert transformiert sich das Ideal der Liebe in der Ritterkultur materialisiert in der höfischen Minne. Reisende Troubadoure, beeinflusst durch jüdische und islamische Kultur, werben lyrisch um die unerreichbare Dame als Ideal leidenschaftlicher Liebe. Auch die sich im Tode erfüllende Liebe, z.B. bei Tristan und Isolde von Gottfried von Straßburg (ca. 1210), wird zum Ideal der Liebe.

Die Mystiker und Mystikerinnen des Hoch- und Spätmittelalters stellen in Visionsberichten, in Abgrenzung zur orthodoxen Vermeidung des Erotischen, die persönliche Erfahrung Gottes als liebende, entgrenzende und überwältigende Begegnung oder Verschmelzung dar. Die Liebesmystik, unio mystica also die “mystische Vereinigung mit Jesus oder Gott wird in hocherotischer Metaphorik beschrieben. Die Moderne beruft sich im Rückgriff auf das Modell des am Individuum orientierten Liebesbegriff und die gefühlshafte Verinnerlichung von Religion in Abgrenzung zur Polemik der Aufklärung gegenüber Religion.

romeo_e_giulietta_onestinghel_3__708x500_Bis in dier Neuzeit wurde die Ehe nicht als Ort für Leidenschaft oder Liebe angesehen. Heiratsgrund waren primär Vaterrecht und unterlag ökonomischen und gesellschaftlichen Erwägungen. Zwar gab es “Romeo und Julia” Ausnahmen in denen Liebe als Überschreitung von sozialen und politischen Grenzen erkannt wurden, so waren diese aber sehr rar. Erst das Bürgertum im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt, in Abgrenzung vom Adel ein eheliches Ideal romantischer Liebe. Die Ideologisierung und gesellschaftliche Konstruktion der bürgerlichen Frauenrolle als hingebende “Mutterliebe” entsteht dabei gleichzeitig und bedingt einander.

Erst die Dichter der Empfindsamkeit und Frühromantik entwerfen Modelle seelenverwandter Liebe als ästhetisch-religiöse Kraft zur Vereinigung des Individuellen mit dem Unendlichen. Schleiermacher erneuert so die protestantische Theologie und Novadis verbindet christliche Motive, z.B. Auferstehung, mit der Erhöhung von Tod und Eros zu einer neuen Form der Mystik.

0e4abaa3380a352966e4783e35d061f2Zunehmender Rationalisierungsprozeß transformiert die zweckgebunden Liebe zum kulturkritischen Begriff. Die Bedeutung von Liebe ist für moderne Gesellschaften und Individuen nicht mehr offensichtlich an religiöse Strukturen gebunden. Dennoch verankert der Begriff unterschiedliche Heils- und Erlösungsmuster. Liebe wird zur “sinn- und normstiftenden Größe im 20. Jahrhundert, sowie zum Anspruch an Paarbeziehungen der im populären Bewusstsein an Schicksalshaftigkeit und Ideale vom ‘glücklichen Leben’ gekoppelt wird und Heilscharakter erlangt. In den 1960ern erlangt Liebe utopischen Gehalt, als übergeordnetes Prinzip kommunikativer Konfliktlösung. Die “sexuelle Revolution” entwirft ein Modell der freien Liebe, die für politische und individuelle Strukturen, zum Gegensätze vereinenden und grenzenaufhebenden Prinzip und Kraft im interkulturellen Dialog wird. Liebe als menschliche Beziehungsrelation wird zum Ausdruck eines spezifischen Feldes moderner Religiösität und moderner religiöser Sinnbildung. Bedeutungskonzepte von Liebe als Letztbegründung des Lebens, als Transzendenserfahrung im Muster der Mystik oder als Lösungsmodell für weltliche Problemstellungen stehen im Zentrum des Umgangs mit Religion in der Moderne: “Losgelößt von traditioneller Religion, und ihren Deutungsmustern doch verhaftet, sind sie häufig in fremden Religionen und Kulturen orientiert und stehen im Spannungsfeld von Wissenschaft (Psychologie, Philosophie), Religion und individueller Erfahrung.”

In meiner Recherche war ich selber sehr erstaunt wie unterschiedlich Liebe in der Geschichte aufgefasst wurde und welchen Einfluss unterschiedlichste religiöse und philosphische Ansätze das Bild über Liebe in unserer Zeit bilden. Ich weiß nicht, ob die Konstruktion von Liebe uns helfen kann die Probleme der Menschheit zu lößen, auch wenn ich es mir wünsche. Zumindest wissen wir jetzt, woher die Zuschreibung kommt.

Stay Tuned

Microhead

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