[Gastbeitrag] Wie prokrastiniert man richtig

Darüber wie man seine Zeit, die man zur Verfügung hat am besten nutzt hat sich mit Sicherheit schon jeder einmal Gedanken gemacht. Vor kurzem musste man seine Uhr umstellen um weiter mitmachen zu können. Doch ist es aber auch nicht einfach mal schön seine Zeit zu verschwenden, einfach nichts zu tun, keine Termine zu haben und zu faulenzen? Selbst wenn man in den Urlaub fährt, macht man sich Gedanken darüber wie man in zwei Wochen am besten alle Sehenswürdigkeiten besuchen kann. Diese Fokussierung darauf Zeit am besten zu nutzen geht noch viel weiter. Denn Zeit ist ja bekanntlich Geld.

Schon Kant und Schiller waren sich darüber einig, dass es auch mal gut sein kann seine Zeit zu verschwenden. Die ästhetische Urteilskraft bei Kant beinhaltet ein gewisses interessenloses Wohlgefallen, also Freude an etwas, das zu nichts zu gebrauchen ist. Schiller möchte durch die Lossagung vom Zwang den Menschen ein fröhliches Reich näher bringen, in dem man durch Spielereien und Nutzlosigkeiten ganz man selbst sein kann.

Wenn wir uns immer nur nach dem ökonomischen Prinzip der Zweckrationalität ausrichten, also unser gesamtes Tun so effizient wie möglich zu gestalten und dabei die vorhandene Zeit optimal zu nutzen, verliert man schnell das Bewusstsein für das was Spaß macht. Dann wird man zu einer Maschine, die immer nur versucht so effektiv wie möglich zu handeln. Wenn jede Unvernunft wegrationalisiert werden würde, dann gäbe es keine Überraschungen und Unberechenbarkeit mehr. Der Osteuropäische Philosoph Dostojewski hat in seinem Kellerloch-Gleichnis darüber geschrieben, wie ein Mensch sich in seinen Keller zurückzieht, weil er es nicht mehr aushält, wie die Menschen draußen nur noch nach aller Rationalität handeln. Für ihn geht es draußen zu, wie in einer Irrenanstalt. Jeder versucht nur noch das Optimum aus seinen Aktionen zu gewinnen, was zur Folge hat, dass diese Menschen, die nur noch zweckrational handeln ihre Freiheit verlieren, indem sie sich dem Zwang unterwerfen alles perfekt zu machen.

Der Philosoph Julian Pörksen, der sich intensiv mit dem Thema der Zeitverschwendung beschäftigt hat, schlägt zwei Modelle der Subjektkonstitution vor, wie das eigene Verhältnis gegenüber der Zeit sein kann.

Zum einen das vorherrschende zeitökonomische Modell, das unsere Selbstständigkeit und Autonomie betont, sodass wir durch unserer Handlungen die gegenständliche Welt nach unserem Willem gestalten können und dadurch unsere Identität herstellen. Das heißt unser (Selbst-)Bewusstsein wird durch die Veränderung der Umwelt konstituiert.

Dem gegenüber steht die Vorstellung, dass wir durch den Verzicht auf die Veränderung der Umwelt uns als selbstbewusste Wesen begreifen können. Nur wenn wir uns der Weltaneignung entziehen, uns und andere bestimmen lassen und unsere Tätigkeit ruhen lassen, wird Selbstbewusstsein zu einem Bewusstsein, dass nichts mehr zum Gegenstand hat.

Obwohl Pörksen sich für das zweite Modell stark macht, ist er selbst ein äußert produktiver Mensch. Er investiert sehr viel Zeit in seine Arbeit. Das scheint auf den ersten Blick paradox zu sein, da er selbst nicht so lebt wie er es propagiert. Doch lebt er auch nicht ganz das erste Modell. Er vertritt sozusagen beide Modelle in seiner Lebensführung. Er ist gleichzeitig aktiv und passiv. Ein lebendiges Bewusstsein, ein Subjekt, kann sich daher nur im Widerspruch selbst konstituieren. Zwischen den beiden vorgeschlagenen Modellen. Autonomie und Determination sind zwei Wechselbegriffe, die nur durch den Bezug zum anderen eine Bedeutung erfahren können. Sie sind voneinander abhängig, ohne das eine kann es das andere nicht geben. Sich selbst bestimmen und bestimmen lassen, sind zwei Arten des Bezugs zur Welt. Sie bedingen sich gegenseitig. Der Mensch konstituiert sich somit nur im notwendigen Selbstwiderspruch.

Warum sollte man dann also für Faulheit und Zeitverschwendung sein? Weil sich in unserer Gesellschaft im Laufe der Zeit, die eine Seite zu stark durchgesetzt hat und der anderen Seite versucht ihre Berechtigung zu entziehen. So handelt es sich bei dem Aufruf zur Faulheit um eine gezielte Intervention der Zeitökonomie und ihrer Logik entgegenzuwirken. Das Theater ist dafür der perfekte Ort, da dort unabhängig von der Zweckrationalität etwas hergestellt wurde, dass keinem gezielten Zweck dient. Der Zuschauer schaut sich ein Stück an ohne einen bestimmten Nutzen zu erwarten.

Wenn man nun davon ausgeht wie Karl Marx es sagt, dass eine Nation, die die Arbeit für eine Woche einstellt und sich der Faulheit ergibt, eine tote Nation wäre, kann man sich darauf verlassen, dass es immer jemanden geben wird der arbeitet. Auf Aktivität kann man sich verlassen. Die gesamte Menschheit ist voller Vitalität und kreativen Potential. Es wird immer irgendwo von irgendwem irgendetwas erschaffen werden. So ist es mehr als nur recht, einfach mal nichts zu tun und den Versuch zu starten, Ruhe zu finden und den Mut zu haben, nichts zu tun.

Doch warum arbeiten die Menschen immer zu? Woher kommt es, dass immer etwas getan wird? Weil Leute denken sie werden beobachtet und dass es jemand gibt der ihnen zuschaut und es gut findet was sie tun. Die meiste Zeit war es Gott, doch seitdem dieser für tot erklärt wurde, muss diese Kontemplation, die Besinnung auf sich selbst, selbst hergestellt werden. Man denkt nun, dass die eigenen Idole und Vorbilder beeindruckt sind von dem was man tut. Sei es die Mutter oder der Vater, oder Warhol, Branzi oder Goethe. Sie sind die neuen Motoren des Antriebs. Wenn man sich hinsetzt und es riskiert faul zu sein, wird man schnell bemerkten, dass alle um einen herum tun. Man könnte meinen, man wird schnell als asozial oder als Schmarotzer angesehen, doch nur wenn die Faulheit selbst nicht zum ökonomischen Prinzip wird, kann sie ihr Potential entfalten. Der Zwang sein ganzes Leben der Ökonomie zu unterwerfen führt in eine Sackgasse. Wie sagte mein Professor gerne: Der schlaue Mensch ist der faule Mensch.

 

Wicktorious

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3 comments

  1. Großartiger Beitrag.
    Finde es sehr gut wie die Wichtigkeit von Freizeit herausgehoben wurde, ohne gleich dafür zu plädieren, dass jeder dass auch gleich machen soll.

    Danke für deinen Beitrag und ich freue mich schon auf mehr von dir

    Microhead

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