Postmortalitätsvorstellung und Dark Souls

Dieses Spiel bringt mich um. NIcht dass die Blue Ray auf mich in echt los geht, aber dieses Spiel bringt mich um. Vor einer Woche habe ich noch groß in einem Seminar getönt wie einfach dieses Spiel sein soll. Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte einfach keine Ahnung.

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Quelle: madizzlee,deviantart.com

Was mich am meisten an diesem Spiel fasziniert ist dabei nicht nur die intense Erfahrung und Immersion in das Spiel, dass den Spielern ermöglicht eine Erfahrung zu machen, die er oder sie im normalen Alltag nicht hat, haben kann, haben darf. Die Erfahrung des Stebens – das memento mori der Videospielindustrie Sondern viel mehr wie das Sterben an sich in die Mechanik des Spiels eingebaut wurde. Der Direktor Hidetaka Miyazaki und sein Team haben sich vielfältig Mühe gemacht die Spielmechanik um den Fakt zu bauen, dass du während des Spiels sterben wirst. Und zwar oft, sehr oft.

Falls DU lieber Leser das Spiel noch nicht angeschaut haben solltest, dann mach dich auf kleine Spoiler gefasst und hier direkt eine gute 5 Minütige Zusammenfassung des Spielnarratives:

youtube https://www.youtube.com/watch?v=usaJqeL9o4M&w=640&h=360

Der Tod existiert nicht, sterben musst du trotzdem

In einer Vorlesung sagte Jacques Derrida einmal, dass der Tod nicht existiert. Er fügte hinzu, dass jeder Mensch zwar sterben muss, aber die Vorstellung vom Tod eine gesellschaftliche Konstruktion sei. An sich muss also jeder Mensch irgendwann mal sterben, aber der Umgang mit dem Tod ist in Zeit und Raum unterschiedlich.

Der Tod und das Sterben sind nicht unbedingt die Dinge mit denen man sich am Abendtisch mit seinen Kindern unterhält.

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Quelle: knowyourmeme.com

Dabei kann das Sterben als eine bio-anthropologische Grundkonstante im Leben und Sterben der Menschen gesehen werden. Als Kulturwissenschaftler sind es diese Kontingenzen die ja interessant sind. Die zufälligen Ereignisse die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten zeigen kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten der globalen Postmortalitätsvorstellungen, den Konstruktionen des Todes. Hier setze ich bei Dark Souls 1 an. Im Narrativ wie in der  Spiel Praxis  (Finger-Augen-Koordination), Hörverständnis und strategische Nutzung von Raum – ist der Tod allgegenwärtig.

Rituale des Übergangs und Ambivalenz der Emotionen

Aus naturwissenschaftlich-biologischer Perpektive ist der Zusammenhang und Ablauf des Sterbens als letztliches Ende des Lebens definiert und dokumentiert. Aber ‘Rituale, die den >Übergang< begleiten und Vorstellungen von einem Weiterexistieren nach dem Tod in einem Jenseits oder durch Wiederverkörperung in einer neuen Erscheinungsform im Diesseits sind’ kulturgeschichtlich fast überall zu finden.

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Der Orinoco ist der 4. größte Fluss der Welt und 2. größte, in Südamerika.nach dem Amazonas, Quelle: Wikipedia

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Quelle: Wikipedia

Bei der Gruppe der Yanomami in Südamerika, die einen Bereich am Fluss Orinoko besiedeln, war der Umgang mit dem Tod  ganz offen und selbstverständlich. Es wird eine Geschichte über den Missionar Cocao erzählt, der von einem Medizinmann eine tödliche Krankheit diagnostiziert bekam. Dem Missionar, von dem Dorf hoch geschätzt, wurde versichert, dass man sich gut um seine Leichnam kümmern werden. Die Yanomami betrieben zu dieser Zeit einen Endokannabalismus, sie aßen aus Respekt die Asche des Missionaren.

‘Die Erfahrung, die Menschen mit dem Sterben anderer machen hat in der Mythologie, in Religionssystemen, aber auch in Kunst und Architektur tiefe Spuren hinterlassen. Der Tod wird als Grenze der diesseitigen zur jenseitigen Welt erachtet.

Der Tod ist ambivalent – meidenswert und schön zugleich

Erst mit 6 Jahren entwickeln Kinder eine Bedeutung und einen “Sinn” von Tod. Auch wenn Sterben und Tod allgemeine menschliche Phänomene sind – die ersten materialen Zeugnisse einer postmortalen Praktik finden sich im Paläolithikum (ca. 70.000 vor unserer Zeitrechnung) – bedarf der konkrete Todesfall jeweils nach einer konkreten Erklärung.

Gängige Erklärungsmuster sind dabei dass der Mensche Unvollkommen ist, der Tod ein bößes Unglück ist oder dass der Tod zur Geburt gehört und diese in Zusammenhang stehen.

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Quelle: dreamfunpage.weebly.com

In Dark Souls übernimmt man zu Spielbeginn die Kontrolle über einen selbsterstellten Avatars. Lenkt der SpielerIn die Kamera auf das Gesicht des gerade erstellten Heldens erblickt man eine ausgezehrte und narbengeplagte untote Leiche.  In einem Kerkergefängnis wacht ein längst gestorbener Mensch auf – untot aufgestanden, seiner Menschlichkeit beraubt und in stetiger Gefahr den letzten Rest Verstandes zu verlieren.  Spiellandschafr und Narrativ verdeutlichen die Einsamkeit des Sterbenden und den kalten Griff des Todes.

Zombifikation und Menschlichkeit

Gameplay des Spiels verlangen vom Spieler einen Avatar zu übernehmen, der nach Erstellung erst einmal stirbt und fortan als Zombie durch die Landschaft läuft.

Das Wort zombi(e) oder zumbi stammt aus den Bantusprachen Afrikas, wird vom haitianischen Voodoo aus benutzt und bedeutet  >versklavter Geist

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Quelle: worldatlas.com

Voodoo, hoodoo, vaudoo, vaudoux oder auf deutsch Wodu kristallisieren aus einer haitianisch-französischen Kreol Sprache und dienen als Sammelbegriff für einen Großteil der einheimischen religiösen Praktiken, Vorstellungen und Habitus. Der Name titt aber nicht alleine auf und auf wertneutralen Gebiet, sondern Voodoo ist ein Name der Ausgrenzung. Einer Grenzziehung der USA, früher Frankreich die negativ konnotiert und positiv das eigene auflädt ist der Vorwurf der ‘Schwarzmagie’ gegenüber den Nutzern der Angebote des Voodoo.

‘Die Unterscheidung aber von Magie und Religion ist in den meisten afrikanischen und afrikanisch (mit-)geprägten Traditionen nicht- bis kaum existent. Magie tritt als Bemühung, ein Ziel mit übernatürlichen Mitteln zu erreichen auf. Magie ist Teil regulärer religiöser Praxis (z.b. Regen und Fruchtbarkeit, ökonomischer Erfolg oder ein Liebesobjekt). ‘

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Der Link hier führt zum Film. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eIMyV687uN0

Die Popularität des Bildes und Narrative über und von Zombies und Voodoo generell kann auf die amerikanische Filmindustrie zurückverfolgt werden. 1932 erscheint der erste “Zombiefilm”: White Zombie von Victor Halperin. 1943 “I walked with a Zombie” von Jacques Tourneur verhilft den Zmbies zu einem eigenen Subgenre des Horrorfilms, ‘das sich schnell von den kulturellen Wurzeln des Zimbie – Mythos ablöste.’ Dies etablierte eine neue Form, wenn auch teils exotisch transformierte Version, der alteuropäischen Angst vor Untoten und Wiedergängern.

 

Ein bokar – eine Art Schwarzmagier – kann in der Vorstellung der Praktizierenden des Voodoo Macht über Geschöpfe, Menschen oder Tiere erlangen. ‘Hintergrund ist das  westafrikanische Narrativ, daß jeder menschliche Körper aus zwei Seelen beherbergt: eine >Vitalseele< und eine Schattenseele, die den Körper während des Schlafes verlässt und nach dem Tod als zombie ziellos in der Welt herumstreift.’ Die Schwarzmagische Praxis zielt auf das ab- und einfangen der Schattenseele. Der Zugriff auf den Körper soll dadruch zu stande kommen, dass das Opfer ein Gift eingeflößt bekommt, sodass eine Totenstarre eintritt. Innerhalb von 24 Stunden muss der Mensch begraben werden um vom Schwarzmagier des Nachts eine Flüßigkeit verabrecht zu bekommen. Worauf der oder die Tote aus der Erde kommt.

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Quelle: http://theghostdiaries.com/10-horror-movies-with-hidden-activist-agendas/

Das Narrativ des Zombies kann gedeutet werden als eine allgemeine Kritik am Kolonialismus Frankreichs bzw. ganz Europas. Der seelenlose, arbeitskräfitge Körper ist dabei eine Reinterpretation der Ausbeutung der kolonisierten Subjekte auf landwirtschaftlicher und generell ökonomischer Ebene. Auch heute wird das Narrativ des Zombies verwendet um eine allgemeine Kritik an der Cosumer Culture des Neoliberalismus zu formulieren,  in transformierten Formen versteht sich. Aber dazu ein anderes mal mehr.

 

Mythos und Sozialstruktur

Nach Theodor Pieter van Baaren gibt es in Mythen insgesamt 8 Erklärungen für den Tod:

  1. Der Tod ist natürlich und gottgewollte Bestimmung
  2. Der Tod einer Gottheit oder eines
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    Typisches Zeichen auf dem Bildschirm während des Spiels. Quelle: youtube.com

    sonstigen suprahumanen Wesens ist Grund für das Sterben der Menschen

  3. Konflikt zwischen Gottheiten
  4. Täuschung der Menschen durch eine Gottheit
  5. Menschliche Unvollkommenheit macht das Sterben notwendig
  6. Falsche Entscheidungen des Menschen führen zum Tod
  7. Ungehorsam und Schuld gegenüber Gottheiten führt zur Notwendigekeit des Sterbens
  8. Der Mensch stirbt, weil er selbst das Verlangen danach gehabt hat.

Es lassen sich bestimmt auch noch andere finden, aber das deckt viele der mythischen Erklärungsmuster ab. Nach Claude Levi-Strauss sind Mythen antagonistisch aufgebaut. Die Geschichte Asdiwals ist ein Mythos den viele Gruppen in Südamerika tradieren, auch in unterschiedlichen Versionen. Levi-Strauss machte anhand der Unterschiede dieser Geschichten einige grundlegende Erkenntnisgewinne. Die Geschichte Asdiwals und viele der unzähligen Mythen die Levi-Strauss untersuchte lassen auf eine gewisse Struktur der Mythenbildung deuten. Und für Levi-Strauss deutete es auf die grundlegenden Arten des menschlichen Denkens und Handelns. Die Geschichte Asdiwals beginnt eigentlich auf der Erde Südamerikas aber hier geht es ja um Dark Souls.

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Quelle: videogamezone.com

In Dark Souls erstellt sich SpielerIn einen SpielcharakterIn. Die erste Handlung im Zeichenpool ist es eine Leiche zu plündern. Durch die verschlossene Tür kommst du nur über den Schlüssel den dir ein unbekannter Ritter im Intro gibt.  Der simulierte Akteur bricht aus seinem Gefängnis aus, überkommt die ersten Herausforderungen und wird von einem schwarzen Raben in ein ferneres Land gebracht.

Dort bekommt man die erste größere Wahlmöglichkeit. geht man hoch oder geht man runter.  Im Mythos muss der Held oder die Heldin erst hoch (z.B. die Berge, der Himmel, die Kirche des Todes etc.) und dann muss der Held nach unten (z.B. das Tal, die Hölle, die Schandstadt etc.), oder genau anders herum. Zuerst oben dann unten.

 

Grundlegende psychologische Erklärungen

‘Die Trennung des Sterbenden von den weiter Lebenden vollzieht sich in Stufen, in denen allmählich das Unvermeidliche bewußt wird: ein psychologischer (>wahr werden<) und sozialer Prozess (er/sie soll es nicht wissen). Dabei werden 5 Prozeßphasen des Umgangs mit dem Tod unterschieden, die ich alle auch beim Spielen erlebt habe:

  1. Phase: Nich-Wahr-haben-Wollen
  2. Phase: Zornige Ablehnung
  3. Phase: Verhandlen um Aufschub
  4. Resigniertes Zur-Kenntnis-Nehmen
  5. Zustimmung und Akzeptanz

Durch die hohe Herausforderungsstufe, die das Spiel Dark Souls fordert, ist es normal als casual – gamer mehrere dutzende Male in der Semiosphäre des Spiels zu sterben.

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Im Kampf mit Drachen, Skelleten, Zombies und anderem. Quelle: playcrits.de

Das Gameplay und Dramaturgie des Spiels, mit Konflikt und Kampf oder dauerhafter Flucht als letzte Handlungsoptionen in dieser postmortalen Welt, fordern in häufigen Toden ihren Tribut. Dabei wiegt ein plötzlicher Tod um die Ecke in das Schwert eines Ritters schwerer als ein langsamer. Dieser Topoi oder diese Meistererzählung lässt sich bis ins 16. und 17. Jahrhundert zurückverfolgen. ‘Die Reformation und die katholischen Entsprechungen sehen das Leben im 16. Jahrhundert von der Ewigkeit her auf einen “vorläufigen” Tod und sieht den Menschen sub specie aeternitatis – auf das jenseitige Leben ausgerichtet.’ ‘Dadurch schwindet die ars moriendi, die Frage was zu tun wäre, wenn vom unmittelbar hervorstehenden Tod erführe wird dahingehend beantwortet, daß man die aktuelle Tätigkeit fortsetzen solle.´

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Friedhöfe der Stadt Heidelberg. Quelle: heidelberg.de

Erst im 20ten Jahrhundert hat sich nach Michel Foucault und Philippe Ariés ein Bruch ergeben, die die Friedhöfe und den Umgang mit Sterbenden und dem Sterben  nachhaltig veränderte. Mit dem Versetzen der Friedhöfe aus der dörflich- oder städtischen Gemeinschaft an die Peripherie des Lebensraumes, an den Rand der Stadt, veränderte sich auch der öffentliche Umgang mit dem Thema. Sterben und Tod sind zwar eine öffentliche und gemeinschaftliche Angelegenheit, wird aber im 20. Jahrhundert in die Verborgenheit der Intensivmedizin verlagert.

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Die Beerdigung von Lady Diana. Quelle: news.at

‘Sterben – meist in gewaltloser Form . hat nur noch mittels Fernsehapparat im Wohnzimmer einen Platz im öffentlichen Leben, allerdings als ein Sterben, dass den einzelnen kaum noch betrifft.’Der Tod wurde ausgelagert, ausgebürgert aus der Mitte der Gesellschaft, außer bei dem Tod einer prominenten Person, deren Sterben oftmals von Medienspaktakeln begleitet wird. ‘War im Mittelalter der einsame Tod ein >hässlicher Tod< den man lange erfolgreich vermeiden konnte, so hat dieser am Ende des 20. Jahrhunderts die Sterbenden und Lebenden wieder eingeholt.’

 

 

 

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Hier noch ein gutes Video zum Abschluss. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=LueVmefY_Kg

Hier endet für heute die Diskussion um Dark Souls und Postmortalitätskonstruktionen. Die Arbeit an dem Text ging eindeutig länger als ich gedacht habe und es gibt noch sehr viel mehr zu sagen über Dark Souls. Für’s erste werde ich es aber dabei belassen und auf einen wahrscheinlich zweiten Teil verweißen der in Zukunft erscheinen wird. Bis dahin alles gute

 

Euer Microhead

 

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